MALTE WOYDT

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Wirtschaftsliberalismus 1

Wirtschaftsliberalismus ist die unverschämte Behauptung, daß man den Reichen und Mächtigen nur noch mehr Reichtümer und Macht hinterherwerfen müsse, damit es auch den Armen bessergehe. Natürlich eine völlig absurde Idee.

Welch vernünftig denkender Mensch käme schon auf die Idee, daß Unternehmer, denen man Geld schenkt und die Möglichkeit, dasselbe nach Gutdünken zu exportieren, damit ausgerechnet bei uns Arbeitsplätze schafften? Welch vernünftig denkender Mensch käme auf die Idee, daß man einem armen Land helfe, indem man die lokalen Märkte mit spottbilligen Importen überschwemmt? Welch vernünftig denkender Mensch käme auf die Idee, Steuern durch verzinste Darlehen bei den vormaligen Steuerzahlern zu ersetzen?

Wirtschaftsliberalismus liegt im Interesse weniger großer Kapitaleigner. Seine Verbreitung unter Bevölkerungskreisen, die nie von ihm profitieren werden, läßt sich rational nicht erklären. Außer man schreibt ihm die suggestive Kraft zu, jedermann die Illusion zu geben, persönlich zu den Gewinnern zu gehören. Diese Illusion aber ist krankhaft.

Wirtschaftsliberalismus müssen wir uns als Krankheit vorstellen, eine äußerst ansteckende Viruskrankheit. Die im Labor erzeugten Viren werden von Kriminellen vorsätzlich in Umlauf gebracht.

Wirtschaftsliberale gibt es natürlich schon lange, in liberalen Parteien gab es für sie immer ein warmes Plätzchen. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Virus aber weiter verbreitet als je zuvor in der Geschichte.

Zuerst fielen Konservative und Christdemokraten um. Man hat sich viel zu wenig Gedanken darüber gemacht, wie es kommt, daß wirtschaftsliberal in den achtziger Jahren zum Synonym für konservativ und christdemokratisch werden konnte – ursprünglich hatten diese beiden politischen Strömungen wenig mit dem Wirtschaftsliberalismus am Hut. Die einen wollten der Abstammung den Vorrang vor wirtschaftlichem Erfolg geben, die anderen die Opfer des Kapitalismus durch Gemeinschaftsbildung vor dem Sozialismus bewahren. Trotzdem sind beide der Krankheit anheimgefallen.

Leider blieb es nicht dabei. Heute sind es Sozialdemokraten und Grüne, die die Liberalisierung des Welthandels fleißig vorantreiben. Der Druck des wirtschaftsliberalen Einheitsdenkens ist so groß geworden, daß heute Grüne und Sozialdemokraten bilaterale Freihandelsabkommen durchpeitschen und neue WHO-Liberalisierungen erfinden. Zunächst, um in den interessierten, “tonangebenden” Kreisen nicht für “lächerlich” erklärt zu werden, später aus eigener Überzeugung.

Wenn man auf der “Linken” genau hinschaut, wird man feststellen, daß es häufig gerade frühere Linksradikale sind, die heute wirtschaftsliberale Thesen vertreten. So überraschend das auf den ersten Blick erscheinen mag, so logisch ist das auf den zweiten: Marxisten und Neoliberale haben gemeinsam, ewiggeltenden Gesetzen den Gang der Geschichte zuzuschreiben. Wer vom Historischen Materialismus kommt, hat es mit dem neoliberalen Materialismus nicht schwer. Eingriffe denkender und handelnder Menschen in den Gang der Geschichte werden von beiden für unmöglich erachtet. So kommt man von linksaußen nach rechtsaußen ohne den Umweg über die humanistische, (ehemals?) sozialdemokratische Mitte gehen zu müssen…

Die in letzter Zeit zunehmende Kritik an der Globalisierung hat bisher nur dazu geführt, daß dieselben Politiker, die mit Gesetzen und internationalen Verträgen die Sache immer weiter anheizen, in Reden und Wahlprogrammen das Gegenteil von dem verkünden, was sie im Parlament tun. Die Medien beschränken sich weiterhin darauf, als Nachricht zu werten, worüber Politiker Lärm machen, anstatt sich einmal der Dinge anzunehmen, die hinter dem Lärm versteckt werden sollen.

Allerdings geht es nicht nur um eine Art “falsches Bewußtsein”. Das wäre zu einfach. Manche Andersglobalisten diskutieren mit moralischen Argumenten, dabei hat die Geschichte mit Moral nur sekundär zu tun. Es geht ganz simpel um Machtfragen.

Technische Entwicklung, gesunkene Transportkosten, verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten und willentliche Öffnung der Märkte haben in den westlichen Industrieländern zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt. Und die Massenarbeitslosigkeit sorgt dafür, daß das Kapital zur Zeit eine viel stärkere Verhandlungsposition hat als vor 35 Jahren. Darum geht es beim “Neoliberalismus” und beim “Sozialabbau”: Errungenschaften der Arbeiterbewegung werden zerstört, weil das Kapital derzeit eine stärkere Machtposition hat, als zu den Zeiten, als sie eingeführt wurden.

Schlimm ist nur, daß unsere lieben “linken” Politiker das so nie sagen, sondern durch neoliberale Verblendung die vom Kapital geforderten Einschnitte richtig gut finden, statt sie nur in zähen Verhandlungen zähneknirschend und mit überprüfbaren Gegenleistungen herauszurücken.

Malte Woydt, 2003

Abb.: Mark Flood: Free the rich. 1992, im Internet.

12/03

05/10/2007 (0:23) Schlagworte: DE,Notizbuch ::

Kommunismus 2

“Es sieht oberflächlich so aus, als ob das Problem der Einheit in Deutschland bald kein Problem mehr zu sein brauchte, soweit es sich um die sozialistische Bewegung handelt. Viele glauben, daß nach den 12 Jahren Faschismus die Arbeiterbewegung jetzt schon wieder dabei sei, sich zu erholen. …

Es geht nicht nur um sogenannte taktische Fragen. … Wir haben alle erlebt, daß es innerhalb der Arbeiterbewegung zum Kampf kommen konnte … . Die Austragung dieser Gegensätze ging bis in die Gefängnisse und KZs und hat nicht Halt gemacht vor der Auslieferung politischer Gegner an die Gestapo. …

Woran die Arbeiterbewegung in den Zwischenkriegsjahren von 1918 bis 1933 gekrankt hat, das waren m.E. vor allem totalitäre Tendenzen innerhalb der Arbeiterbewegung. …

Indem der Sozialismus reduziert wurde auf die Lehre von der Strategie und Taktik des Kampfes um die sogenannte Befreiung der Arbeiterklasse, ging Wesentliches vom Sozialismus verloren. … [Es] war der Bruch mit der Kontinuität zu den freiheitlichen und humanitären Bestrebungen der Vergangenheit und die scharfe Trennung von anderen freiheitlichen und humanitären Bewegungen der Gegenwart. …

Stalin hat in vielen Punkten seinen eigenen Lenin geschrieben, aber was er über die Lehre des Sozialismus und die Rolle der Partei ursprünglich geschrieben hat, das hat seine Wurzeln in den Ideen von Lenin selbst. …

Die dieser Lehre entsprechende Praxis bedeutet für diejenigen, die unten sind und auch für die etwas weiter oben, für alle, die nicht auf der obersten Stufe stehen: Versklavung. …

Wenn wir heute eine ganze Reihe von internationalen Organisationen genau ansehen – ob das nun die neue Gewerkschaftsinternationale ist oder ob das die großen Mammutorganisationen der Jugend aller Länder oder der Studenten oder der Frauen aller Länder sind … [sie sind] nichts anderes … als Organisationen zur Lahmlegung der möglichen Aktivität ihrer einzelnen Mitglieder. …

Der Sozialismus ist nicht nur eine Frage von Eigentumsverhältnissen an den Produktionsmitteln. Derjenige, der Rußland erlebt hat, wird das ganz besonders verstehen können. Sondern der Sozialismus ist vor allem eine Rechtsfrage im weitesten Sinne. …

Und weil viele innerhalb der sozialistischen Bewegung der Meinung sind, diejenigen, die im totalitären Lager stehen, sind nur etwas radikaler und im übrigen würde es uns nichts schaden, wenn wir etwas davon hätten, deswegen wollte ich aufzeigen, daß es sich nicht um radikale, sondern um den Sozialismus und der Demokratie entgegengesetzte Tendenzen handelt, obgleich sie ihren Ursprung in der gleichen Arbeiterbewegung gehabt haben. …

Die Kriminalisierung des politischen Gegners beinhaltet das Fürchterlichste, die völlige Zerstörung jeder fortschrittlichen, jeder politischen, jeder Bewegung überhaupt, die nicht eine Polizeibewegung ist. Und wenn mir einer sagt: Ja, wenn es um die reale Macht geht, ist es unausweichlich, daß man hart vorgehen muß – bin ich bereit, Namen für Namen anzugeben von Leuten, die sich in ihrer Jugendzeit eingesetzt haben und geschlachtet worden sind für eine Sache, für die sie, wenn sie sie begriffen hätten, nicht den Finger gerührt hätten. …

Da wird von Sozialismus geredet, und in Wirklichkeit handelt es sich um Polizeigewalt. Aber einen Mythos zu schaffen, für den Leute aufs Schafott und in die Zuchthäuser gehen, das mag als eine geistige Leistung bewundern wer mag, ich kann es nicht, es ist eine teuflische Sache.”

Herbert Wehner: Vortrag vor der Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft, Hamburg, 25.10.1946. In: ders.: Selbstbesinnung und Selbstkritik. Köln: Kiepenheuer & Wisch 1994, S.223-257.

Abb.: Alán Carrasco: History loves paradoxes, 2023

05/10/2007 (0:22) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Systemtheorie

“Die Systemtheorie … ist eine Aufklärung, die nicht zum vernünftigen Handeln, sondern nur noch zur gelehrten Resignation anstiftet. Sie gibt der Gesellschaft die Aura eines undurchschaubaren, aber von höherer Weisheit gelenkten Organismus zurück. … Eine Erklärung, warum die komplexe Gesellschaft zur Serienproduktion von Schein einlädt, ist ja noch lange keine Rechtfertigung für dessen rücksichtslose Lieferung. … Systemtheorie wird zur konservativen Ideologie, wenn sie Diskussion und Praxis von Alternativen mit dem Komplexitätsargument bloßstellen will.”

aus: Thomas Meyer: Die Inszenierung des Scheins. Frankfurt(Main): Suhrkamp 1992, S.192/193.

Abb.: Marcel Jean: Le Spectre du Gardenia, im Internet.

05/10/2007 (0:22) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Zwangsdemokraten

“Der ‘Zwangsdemokrat’ führt kein leichtes Leben, muß er doch dauernd taktieren zwischen dem, was er eigentlich will, und dem, was er darüber äußert – ohne sich zu enttarnen. Die Welt um ihn herum, der Staat, die Gesellschaft, sie sehen ganz anders aus, als er sie haben möchte, da er fortwährend auf Schranken stößt, die er nicht ohne weiteres durchbrechen kann. Aber gegen sie anlaufen, mit dem Zepter der Demokratie in der Hand, das kann er. Und das tut er auch, sozusagen fortwährend testend, wie belastbar sie ist und wie weit die Verfassung sich dehnen läßt. …

Es gibt ihn lokal, regional und national, in Kommunalgremien, in Landesparlamenten und im Bundestag – dort verfügt er, auf dem Bildschirm, über sein größtes Publikum und das höchste Maß an Öffentlichkeit und Wirksamkeit. Dort in Bonn, in Regierung und Opposition ist er in vollster Aktion, muß er aber auch am vorsichtigsten sein, steht er da doch seinen kritischsten und scharfäugigsten Gegnern gegenüber. Dennoch verrät er sich, denn verbergen kann der ‘Zwangsdemokrat’ bei aller Taktik sein eigentliches Credo schließlich doch nicht. … Der Mechanismus dieses Typs läuft darauf hinaus, immer etwas radikaler zu sein als der ‘konventionelle’ Konservativismus und die Verfassungswirklichkeit in diese Richtung zu drücken. …

Nun existieren im politischen System der Bundesrepublik zahlreiche Variationen von Nicht- und Antidemokraten, die das ohne weiteres zugeben und gar nicht erst einen falschen Schein erwecken wollen. Nicht so der ‘Zwangsdemokrat’. Es ist ein fester Bestandteil seines Programms, Vorstöße, mit deren Hilfe die Demokratie eingeengt werden soll, als ihrem Wohle dienend zu erklären. Daß sie in Gefahr sei, davon redet niemand so häufig wie er. Und natürlich kommt diese Gefahr immer von der gegnerischen Partei, die es leider nun einmal gibt. …

Alle Kriterien, die auf den Zwangsdemokraten zutreffen, individualisieren sich unverkennbar in der Person von Franz Josef Strauß …”

aus: Ralph Giordano: Die Zweite Schuld, oder von der Last, Deutscher zu sein. Hamburg 1987, S.249-253.

abb.: Klaus Staeck: Juso beißt wehrloses Kind, 1972, Edition Staeck, im Internet.

03/92

05/10/2007 (0:21) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Ursachen des Zweiten Weltkrieges

“Nichts zeigt die unwirkliche Qualität der deutschen ‘Realpolitik’ besser als die deutschen Kriegsziele. Obwohl sich die jeweiligen Führungsgruppen in den zwei deutschen Kriegen des 20. Jahrhunderts ihrer sozialen Herkunft nach beträchtlich voneinander unterschieden, waren die Kriegsziele im wesentlichen fast identisch … ein deutsches Kolonialreich in Europa. …

Nicht nur das ungünstige Zahlenverhältnis, sondern auch die relativ geringe Überlegenheit der Bildung oder Ausbildung hätte den Deutschen kaum eine Chance gelassen, daß aus ihren imperialen Bestrebungen eine einigermaßen dauerhafte politische Struktur hervorging. …

Die Führer eines Landes, das sich im Krieg befindet, sind häufig so damit beschäftigt, ihren Krieg zu gewinnen, daß sie die Probleme der Nachkriegszeit, des wahrscheinlichen Staatsgefüges nach ihrem Sieg, nur vergleichsweise unscharf sehen. …

Hitlers ganze Vorstellungswelt … trug noch immer ein vorindustrielles Gepräge. Er dachte zunächst und vor allem an die Eroberung von Siedlungsland für Bauern. …

Die Traditionen der deutschen Gesellschaft brachten oft ein eher schwaches individuelles Gewissen hervor. Auch bei Erwachsenen blieb die Funktionsfähigkeit des individuellen Gewissens … davon abhängig, daß jemand von außen aufpaßt. … Die Deutschen hörten nie auf zu gehorchen. …

Hitler war im Kern ein innovativer politischer Medizinmann. … Die elementare Einfachheit des Glaubens vieler Deutschen an den Führer … werden oft durch intellektuelle Argumente verdunkelt, die anzunehmen scheinen, daß die Masse des deutschen … Volkes über ein artikuliertes und hoch integriertes Glaubenssystem verfügte, wie man es in Büchern dargelegt findet, daß die Deutschen entweder überzeugte Nationalsozialisten waren oder, wenn nicht, überzeugte Demokraten und Gegner der Nationalsozialisten. … Ihre Grundlage waren letztlich die einfachen Bedürfnisse einfacher Menschen, die durch ihre Hilflosigkeit gegenüber den Großereignissen der Weltpolitik dahin gebracht wurden, sich einem Mann zuzuwenden, der in ihrer Vorstellung den Nimbus eines Erlösers hatte. …

Daß sich Deutschland, obwohl politisch zweigeteilt, zumindest in Teilen völlig erholt hat, ist einer der schlagensten Belege für die Sinn- und Nutzlosigkeit von Kriegen in unserer Zeit.”

aus: Norbert Elias: Der Zusammenbruch der Zivilisation. (1961) In: ders.: Studien über die Deutschen. Frankfurt(Main): Suhrkamp 1989, S.472-514

Abb.: Julius Klinger: Ö Treffer Anleihe, 1933, Wikimedia, im Internet.

05/10/2007 (0:21) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Amours 1

“S’aimer aujourd’hui ce n’est pas regarder ensemble dans la même direction, car les partenaires ont la vue de plus en plus basse : L’amour n’est pas aveugle, l’amour est myope ; il ne voit pas plus loin que le bout de son nez, et se refuse même, de manière presque superstitieuse, à faire des projets à trop long terme. …

Les conjoints dits modernes … répriment d’autant moins les caprices de l’amour qu’ils ne sont plus des associés, et ne dépendent pas l’un de l’autre pour assurer leur propre survie. Avec la généralisation du salariat, les couples ont cessé de se vouer à la protection et à l’agrandissement du patrimoine familial. Il suffisait, d’autre part, que les femmes accèdent en masse à l’indépendance économique pour qu’amour et toujours ne riment plus automatiquement. …

Nous vieillissons sans mûrir, car nos amours ne nous apprennent rien ; nulle éducation sentimentale ne couronne jamais leur succession confuse. …

Jadis toutes les histoires d’amour naissaient du conflit entre le couple et la collectivité; aujourd’hui c’est la figure du Désastre (maladie ou accident) qui, dans nos romances tristes, remplace celle du Conflit. Car nous avons changé de monde : une aventure sentimentale supposait trois protagonistes : Roméo, Juliette et les Autres. Seuls désormais les soupirants restent en présence. Sauf cas exceptionnel, sauf anachronisme flagrant, les Autres n’ont plus assez de puissance ou de cohésion pour s’intégrer au drame et jouer un rôle décisif dans la liaison qui se noue. …

Maintenant que l’approche amoureuse échappe à la supervision collective, l’étiquette s’est simplifiée, la drague … n’a plus qu’un destinataire. Pesait sur les amours anciennes, la cruauté des calculs familiaux; une autre cruauté préside à la drague … Le ‘non‘ qu’ils subissent est d’autant plus cuisant qu’ils ne peuvent s’en décharger sur une instance extérieur. …

Personne ne nous force à rester chez nous, notre séjour n’y est pas répressif, mais quotidien – dicté simultanément par le plaisir d’être avec qui l’on aime, par la fatigue, le confort, la peur frileuse du crime et du dehors, la nuit, ou même le charme insidieux de la télévision. Ce sont des forces hétérogènes qui ont promu le chez-soi au centre de notre vie. Il reste qu’un jour, peut-être, on ne dira plus vie conjugale, car cette expression fera pléonasme.”

aus: Bruckner, Pascal / Finkielkraut, Alain: Au coin de la rue, l’aventure. Paris: Seuil 1979, S.87-93.

Abb.: Yanuar Ikhsan P: Amorfati, 2019, indoartnow, im Internet.

10/04

05/10/2007 (0:20) Schlagworte: FR,Lesebuch ::

Literatuur

…… “volgens [Heiner] Müller zijn kunst, theater, literatuur er niet om het publiek over geschiedenis of welke feiten dan ook te informeren. ‘Het gaat niet om informatie, maar om de mededeling van een gevoeligheid. Door de manier waarop hij formuleert kan een schrijver meedelen hoe het met hem staat. Dat is rijker dan informatie, dan een vreemd voorwerp door middel of met behulp van de tekst te transporteren. Want je eigen gevoeligheid op een andere manier waarnemen, dát helpt. Buiten de syntactische ordening om wordt iets meegedeeld dat niet mededeelbaar is. Daar moet de lezer aan werken, om het op zichzelf te betrekken, want hij weet niet wat hem daar wordt meegedeeld. Maar dan weet hij ook niet meer wie hij is. En wie niet weet wie, wat en waar hij is, die moet zich roeren. Dat is het revolutionaire moment in dat soort teksten, ze brengen verandering teweeg.'”

aus: Geert van Istendael: Alle Uitbarstingen. Amsterdam/Antwerpen: Atlas 2001, S.329

08/06

05/10/2007 (0:20) Schlagworte: Lesebuch,NL ::

Vaterland

über die auf ihre Heimfahrt wartenden Rußlandheimkehrer in Estland: “Irgendein Herr ruft in deutscher Sprache: ‘Die Angehörigen der ungarischen Republik nach links, die Österreicher nach rechts, die Tschechoslowaken in die Mitte, die Rumänen zum Tore!’ Eine schreckliche Verwirrung beginnt. Vor der Kanzlei steht irgendein ehemaliger Kadett und heult. Ein Beamter des Roten Kreuzes spricht auf ihn ein, er möge doch sagen, wohin er gehöre. Man führt in in die Kanzlei zur Landkarte. Dort sucht man Koloswar, und schließlich stellt man fest, daß der Kadett auf Grund des Versailler Friedensvertrages Rumäne geworden ist. Der Kadett heult noch stärker und eine Rotkreuzschwester gibt ihm Baldriantropfen auf Zucker..”

aus: Jaroslav Hasek: Er schüttelte den Staub von seinen Schuhen, zit. bei: Ekkehart Krippendorf: Politische Interpretationen. Frankfurt(Main): Suhrkamp 1990, S.113

Abb.: Reste eines ungarischen Trianon-Denkmals, 2016, im Internet.

05/10/2007 (0:19) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Untertan

“‘Ich werde also nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn standen, und von großem Selbstbewußtsein, sobald sie sich gewendet hatten.’ …

‘Wie er’, sagte Buck, ‘waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr Geschäft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezahlen. Die Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie zwei Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch Romantik. Eine romantische Prostation vor einem Herrn, der seinem Untertan von seiner Macht das Nötige leihen soll, um die noch Kleineren niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche Leben einen Anstrich schlechten Komödiantentums. Die Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen wie vor Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier, und das Pappschwert wird gezogen für einen Begriff wie den der Majestät, den doch kein Mensch mehr, außer in Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. …

Mehr Veränderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das Beispiel eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes Beispiel war! Dann kann es geschehen, daß über das Land sich ein neuer Typus verbreitet, der in Härte und Unterdrückung nicht den traurigen Durchgang zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des Lebens selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er sich, eisern zu scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit unberechtigter Berufung auf einen noch Höheren wird er lärmend und unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschäftlichen Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komödie seiner Gesinnung einen Majestätsbeleidiger ins Gefängnis. Später findet sich, was damit zu verdienen ist …'”

aus: Heinrich Mann: Der Untertan. Taschenbuchausgabe München 1965, S.180-183.

07/92

05/10/2007 (0:19) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Staat 1

“Um das Problem etwas zu vereinfachen, werde ich den Staat erst einmal verdreifachen. Nicht, weil mir dreimal Staat angenehmer wäre als nur einmal, sondern weil mein Verhältnis zum Staat dreigeteilt ist und weil die drei Bestandteile dieses Verhältnisses nicht so recht zusammenpassen wollen.

Die drei Staaten, von denen ich hier rede, sind

  • erstens der Staat, der einfach nur mein Feind ist, mit dem ich nichts zu schaffen haben will und den ich lieber heute als morgen aufgelöst sähe [der Staat, der Umweltzerstörung legalisiert, Frigen als Teibgas nicht verbieten will, immer einen Feind weiß, gegen den es aufzurüsten gilt, Waffen exportiert, eine Demonstration zusammenknüppeln läßt …];
  • zweitens der Staat, von dem ich etwas will, von dem ich Leistungen, Gesetze, Taten erwarte [Er soll z.B. Vergewaltigung auch in der Ehe verfolgen, die Gleichstellung von Frauen und Männern endlich rechtlich garantieren, soll Fahrverbote bei Smog erlassen…];
  • und drittens der Staat, den ich mit (oft klammheimlichem) Wohlwollen zur Kenntnis nehme [einen Staat, der mich beruhigt und erleichtert, wo immer er in Erscheinung tritt, obwohl gerade dieser Staat fast nur im Form mehr oder weniger bewaffneter Staatsgewalt sichtbar wird. … das kann eine Schlägerei auf der Straße sein, die eine herbeigerufene Streife beendet, eine Vergewaltigung, bei der ich mir viel mehr Polizei rechtzeitig in der Nähe wünschte – zusammengefaßt vielleicht alles, wo ich für mich oder andere Angst habe vor anderen Menschen.] …

Es ist unmittelbar einsichtig, welcher Art mein Verhältnis im einzelnen zu diesen drei Staaten ist: den ersten will ich abschaffen; den zweiten hätte ich gern unter meiner Kontrolle …; über den dritten rede ich nur ungern. …

Tatsächlich ist es aber nur ein Staat. … Die Trennung in drei Staaten vollziehe ich … nur in meinem Kopf, um mir selber das Leben mit den Widersprüchen zu vereinfachen.

Gar zu leicht hört die Staatsfeindlichkeit da auf oder nimmt eine äußerst seltsame Gestalt an, wo der Staat in der Form von ‘Staatsknete’ auftritt. … Unsere Staatsfeindlichkeit … [drückt] sich auch darin aus …, ‘den Staat zu schädigen, wo immer es möglich ist’ – und wenn dieses Schädigen uns selber nützt, um so besser …

Abschaffen läßt sich am Ende nur ein Staat, den keiner mehr braucht.”

aus: Peter Gäng: Von einigen Widersprüchen des staatsfernen Lebens. In: Schmid, Thomas: Entstaatlichung. Neue Perspektiven auf das Gemeinwesen. Berlin: Wagenbach 1988, S.75-87. In eckigen Klammern wurde wiedergegeben, was weiter unten im Originaltext als Erläuterung steht.

03/04

05/10/2007 (0:19) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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