MALTE WOYDT

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LOGIE

Linke

(FR)

“Das politische Engagement derer, die sich nicht an linke Fleischtöpfe gesetzt hatten, sondern die Welt retten wollten, verlagerte sich von den roten Fahnen auf die grüne Bewegung. … Hinter der Sicherheit, mit der die Vertreter der Orthodoxie Häretiker denunzieren, verbirgt sich aber ebenfalls eine Angst vor Heimatlosigkeit, die auf ihrer Seite viel größer ist als auf der Seite der Denunzierten, die andere Wurzeln geschlagen oder sich in die Tatsache hineingefunden haben, daß man als denkender Mensch die Einsamkeit akzeptieren muß.

Überprüfen wir von dem Set an Ideen, der den Marxismus ausmachte, einige Bestandteile daraufhin, ob sie noch zu der gehüteten Orthodoxie gehören oder nicht:

  • Die Forderung nach Vergesellschaftung der Produktionsmittel, ohne die man nichts Gutes erwarten durfte, hat man fallengelassen, wie eine heiße Kartoffel. …
  • Auch wenn man nicht mehr an die aufeinanderfolgende Stufenreihe der Produktionsverhältnisse glaubt, so hält man doch an der Vorstellung einer den Abläufen innewohnenden Eigendynamik fest…
  • Von der Fähigkeit übergeordneter Ideen, eine gesellschaftliche Leitfunktion zu haben, hielt man im dialektischen Materialismus nichts, und man hat jetzt dank der Systemtheorie die Gelegenheit, an der Ablehnung all dessen, was man früher als ideologischen Überbau der bürgerlichen Gesellschaft geringgeachtet hat, festzuhalten.
  • Parteilichkeit … Menschen mußten … zugunsten des Proletariats die Forderung nach der Aufhebung seiner Unterprivilegierung erheben. Dabei kam es nicht darauf an, die Stabilität des Gesamtsystems im Auge zu haben, sondern im Gegenteil darauf, partikulare Interessen zur Durchsetzung zu bringen. … Man nimmt [heute] nach wie vor Partei und denkt nicht daran, in staatsbürgerlicher Verantwortung für das Ganze den Bestand der Polis zu schützen. Man nimmt aber nicht mehr für die Massen Partei; man hat sie aus der Klientel verstoßen und sich benachteiligte Minderheiten gesucht, für die man streitet [:] … Frauen, … Ausländer
  • Treue zu den Massen … Das … sozialethische Motiv im Marxismus erweist sich als zu schwach, als daß die Sympathie für Unterprivilegierte es aushalten könnte, wenn diese sich unter neue Fahnen stellen.
  • Ablehnung der Rechtsstruktur … angestrebt wurde eine neue Ordnung, die gerecht war, ohne Individuen subjektive, gegeneinander antagonistische Rechte zu garantieren. … Es war antiliberal und antirechtsstaatlich. Diese Haltungen werden heute im Kommunitarismus fortgesetzt. [auch im Feminismus] …
  • Das beste Element im Marxismus war das ethische. Im Unterschied zu dem philosophischen blieb das ethische Element versteckt; es wurde tatsächlich von der materialistischen Philosophie erstickt, die Ethik nicht duldete und das Gute nicht als eine von Menschen zu verwirklichende Idee ansah, sondern als das Endergebnis eines materiell initiierten Prozesses ausgab. … in dieser Frage … kam es dann zur Abspaltung des Revisionismus in der sich entwickelnden SPD. …
  • Wenn jemand gewisse Schweinereien nicht begeht, weil er seine Identität ‘links’ ansiedelt, drückt sich darin eine – oberflächlich betrachtet – diffuse, genau genommen aber doch spezifische Auffassung vom ‘Links-Sein’ aus.
  • Obwohl … der Marxismus kein Programm der Gewaltlosigkeit vertrat, war für viele Linke der Pazifismus doch eine Haltung, die sie mit ihrem Links-Sein in Zusammenhang brachten. Diese Haltung bereitete sich eine letzte große Feier im Protest gegen den Golfkrieg, die eine überraschende und scharfe Gegenposition innerhalb der eigenen Reihen provozierte. …

Es zeigt sich: Vom Links-Sein ist nichts übriggeblieben als ein gewisser Anti-Idealismus, eine gewisse Parteilichkeit, die sich aber von der Masse auf Minderheiten verschoben hat, etwas Mißtrauen gegen den liberalen Rechtsstaat und einige ideologisch ungebündelte Fünkchen von ethischem Humanismus. Diese heterogenen Elemente sind in sich zu widersprüchlich, als daß sie als Orthodoxie auftreten könnten; das Band, das einige Linke noch zusammenhält, hat lediglich soziologischen Charakter und eine Funktion in der Seilschaft, die sie verbindet.”

Sibylle Tönnies: Die Gemeinschaft der Heiligen. In: Kursbuch 116 “Verräter” Juni 1994, S.19-24

Abb.: Ruth_Lol, Instagramm, im Internet.

08/93

05/10/2007 (0:18) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Literaturkritik

“Kritiker sind sehr oft keine bösen Menschen, sondern, dank den ungünstigen Zeitumständen, gewesene Lyriker, die ihr Herz an etwas hängen müssen, um sich aussprechen zu können; sie sind Kriegs– oder Liebeslyriker, je nach dem inneren Erträgnis, das sie günstig anbringen müssen, und es ist begreiflich, daß sie dazu lieber das Buch eines Großschriftstellers als das eines gewöhnlichen Schriftstellers wählen. Nun hat natürlich jeder Mensch nur eine begrenzte Arbeitsfähigkeit, deren beste Ergebnisse verteilen sich leicht auf die jährlichen Neuerscheinungen aus Großschriftstellerfedern, und so werden diese zu Sparkassen des nationalen Geisteswohlstandes, indem jede von ihnen kritische Interpretationen nach sich zieht, die keineswegs nur Auslegungen, vielmehr geradezu Einlagen sind, während für alles übrige entsprechend wenig übrig bleibt. Ins Größte wächst das aber erst durch die Essayisten, Biographen und Schnellhistoriker, die ihr Bedürfnis an einem großen Mann verrichten. Mit Respekt zu sagen, Hunde ziehen zu ihren recht gemeinen Zwecken eine belebte Ecke einem einsamen Felsen vor; wie sollten da nicht Menschen, die den höheren Drang haben, ihren Namen öffentlich zu hinterlassen, einen Fels wählen, der offenkundig einsam ist? Ehe er sichs dessen versieht, ist so der Großschriftsteller kein Wesen mehr für sich allein, sondern eine Symbiose, das Ergebnis nationaler Arbeitsgemeinschaft im zartesten Sinn und erlebt die schönste Versicherung, die das Dasein zu geben vermag, daß sein Gedeihen mit dem Gedeihen zahlloser anderer Menschen auf das innigste verflochten ist.”

aus: Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Ausg. Reinbek: Rowohlt 1978, Bd.I, S.430/31.

Abb.: Charles Joseph Traviès de Villers: La Critique. Hier aus dem Tageanzeiger Online, im Internet.

 

05/10/2007 (0:17) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Wissenschaftler

“Es wird immer Menschen geben, die lieber Wissenschaftler als Herren ihres Schicksals sind und sich gern der übelsten (geistigen und institutionellen) Sklaverei unterwerfen, wenn sie nur gut bezahlt werden und von Menschen umgeben sind, die ihre Bücher und Aufsätze lesen und preisen. Griechenland entwickelte sich und machte Fortschritte, weil es auf die Dienste unfreiwilliger Sklaven zurückgreifen konnte. Wir werden uns entwickeln und Fortschritte machen mit Hilfe der zahlreichen freiwilligen Sklaven in Universitäten und Laboratorien, die uns Pillen, Benzin, elektrischen Strom, Atombomben, tiefgefrorene Lebensmittel und gelegentlich ein paar interessante Märchen liefern. Wir werden diese Sklaven gut behandeln, wir werden ihnen sogar zuhören, denn sie könnten etwas Interessantes zu sagen haben, aber wir werden … ihnen nicht erlauben, die Phantasiegebilde der Wissenschaft zu lehren, als wären sie die einzigen Tatsachenaussagen, die es gibt.”

aus: Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang. Frankfurt(Main): Suhrkamp 1976, S.398.

05/10/2007 (0:17) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Zynismus

“Der moderne Zyniker ist ein integrierter Asozialer, der es an unterschwelliger Illusionslosigkeit mit jedem Hippie aufnimmt … Eine gewisse schicke Bitterkeit untermalt sein Handeln. … Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewußtsein. … Gutsituiert und miserabel zugleich fühlt sich dieses Bewußtsein von keiner Ideologiekritik mehr betroffen; seine Falschheit ist bereits reflexif gefedert. …

Ohne Sarkasmus kann es kein gesundes Verhältnis heutiger Aufklärung zu ihrer eigenen Geschichte geben. Wir haben nur die Wahl zwischen einem den Anfängen ‘loyal’ verpflichteten Pessimismus, der an Dekadenz erinert und einer heiteren Respektlosigkeit bei der Fortsetzung der ursprünglichen Aufgaben. …

Nach den trotzigen Hoffnungen macht sich die Schwunglosigkeit der Egoismen breit … Bei zweitausend Mark netto im Monat beginnt leise die Gegenaufklärung; sie setzt darauf, daß jeder, der etwas zu verlieren hat, mit seinem unglücklichen Bewußtsein privat zurechtkommt oder es mit ‘Engagement’ überbaut. … Das neuzynische Arrangement mit dem Gegebenen hat etwas Klägliches …

Wo sich die Aufklärung ihr Gelingen verspricht, hat sie die Struktur eines mutig-spontanen Sich-denken-und-machen-Lassens, das darauf vertraut, daß unser Erkennen und Tun nicht blind subjektiv an allen Tendenzen des Wirklichen vorbeistürzt, sondern an den Strebigkeiten und Kräften der Welt kreativ und sachgehorsam anknüpft, um schließlich im Sinne vernünftiger Zwecke ‘mehr daraus zu machen’.

Hieran mag angesichts gewesener und drohender Weltkatastrophen das heutige geschichtsfrustrierte Lebensgefühl nicht mehr recht glauben. Oft zeigt es sich äußerst unmutig, sich ‘des eigenen Verstandes zu bedienen’. Da sie ihren Vernunft-Mut weitgehend verloren haben, sind die Erben der Aufklärung heute nervös, zweiflerisch und forciert-illusionslos auf dem Weg in den globalen Zynismus. … Das zynische Bewußtsein zieht die Summe aus den ‘schlechten Erfahrungen’ aller Zeiten und läßt nur noch das aussichtslose Einerlei der harten Fakten gelten. …

[Aber:] Schlechte Erfahrungen weichen zurück vor den neuen Gelegenheiten. Keine Geschichte macht dich alt. Die Lieblosigkeiten von gestern zwingen zu nichts. Im Licht solcher Geistesgegenwart ist der Bann der Wiederholungen gebrochen. Jede bewußte Sekunde tilgt das hoffnungslose Gewesene und wird zur ersten einer anderen Geschichte.”

aus: Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt(Main): Suhrkamp 1983, S. 36-41 und 950-953.

05/10/2007 (0:15) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Wagons Corail

“A quoi sert la suppression du compartiment au profit de la voiture à couloir central? A corriger la pagaille des secondes classes lorsqu’elles sont pleines, les aligner sur la calme ordonnance des premières ; …

Les anciens wagons formaient un champ clos de circulation intense, de menues pérégrinations entre couloirs et compartiments … Cette errance minuscule, le chemin de fer coralien ne la tolère même plus puisqu’il fait asseoir tout le monde (la station debout y est pratiquement impossible), et transforme le corridor en simple canal de va-et-vient fonctionnels. Désormais il ne peut y avoir désordre que deux fois : à la montée et à la descente.

Vous voici, pour ainsi dire, contraint à votre voisinage : si vous avez choisi la mauvaise travée, réservé le mauvais numéro, vous n’avez aucun moyen d’évasion. A quoi s’ajoutent la climatisation, l’interdit fait aux voyageurs d’ouvrir ls fenêtres, l’obligation d’endurer la même température pulsée à la même force, l’impossible de connaître les variations de l’aire et le risque, intolérable mais fréquent, d’étouffer de chaleur en cas de panne, l’été. …

Lorsque le fauteuil individuel remplace la banquette et les contacts indécents, on met fin à ce qu’il y avait d’hasardeux et d’intimidant dans le face à face; … on limite les rencontres à n’être que des bavardages, des sortes d’échappées latérales avec son voisin de gauche ou de droite, puisque la disposition même de la rangée vous interdit de parler à plus d’une ou deux personnes à la fois. … les regards ne s’affrontent plus, les usagers sont sérialisés, proches les uns des autres mais d’une proximité close qui les enferme chacun dans son exil intérieur. …

Les passagers ne se voient pas (ou alors il faut qu’ils se lèvent), mais l’hôtesse, le contrôleur, le steward, d’un seul coup d’oeil, les voit tous. … La lutte finale se jouera autour des lavabos. … De fait les voyageurs n’existent plus : ne restent que des clients. …

Auparavant la longueur des parcours contraignait les gens à se rassembler, rire, parler, chanter, chacun se transformant peu ou prou en conteur, poète, compositeur. A quoi bon désormais si une main diligente, en disposant les sièges vous épargne le pénible devoir de bouger et de vous adresser à vos voisins. … On fonctionnalise à ce point l’environnement du passager que celui-ci n’a plus qu’un désir : que ça aboutisse au plus vite. …

La malaise du transport est aussi le malaise d’un espace et d’un temps vide de tout agrément d’où résulte que le voyageur continue à percevoir la distance comme une tyrannie.”

aus: Bruckner, Pascal / Finkielkraut, Alain: Au coin de la rue, l’aventure. Paris: Seuil 1979, S.127-131.

10/04

05/10/2007 (0:14) Schlagworte: FR,Lesebuch ::

Anarchisten

“ein anarchist glaubt an eine freie gesellschaft gleichberechtigter menschen ohne herrschaft. er tritt für die beseitigung jeder herrschaft ein und bekämpft deshalb staat, kirche, polizei, kapital, herrschaftsideologie. er tritt immer und überall für die interessen der unterdrückten masse ein, gleichzeitig arbeitet er an den theoretischen modellen und den praktischen beispielen für eine künftige gesellschaft: eine gesellschaft ohne herrschaft und autorität, ohne ausbeutung und entfremdung, aufgebaut auf neuen prinzipien wie solidarität statt egoismus, gegenseitige hilfe statt konkurrenz, und freier vereinbarung statt befehlsprinzip.”

Was ist eigentlich Anarchie? Einführung in Theorie und Geschichte des Anarchismus bis 1945. Frankfurt: Freie Gesellschaft 1978, S.5.

Abb.: Arman Jamparing: Sabot, 2015, indoartnow, im Internet.

05/10/2007 (0:01) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Amerikaner


“die meisten von uns [Amerikanern glauben] noch immer an Gott, die Familie, die Flagge und die Todesstrafe. … Die Europäer meinen, dass jeder, der diesen Schrott glaubt, zu dumm ist, um gute Entscheidungen zu treffen. … Amerikaner können Monate und sogar Jahre ihres Lebens zubringen, ohne den Eindruck zu haben, dass die europäische Kultur, die europäische Wirtschaftsentwicklungen irgendwelche Auswirkungen auf ihre Existenz haben. Europäer denken die ganze Zeit an Amerika. … Die Europäer selbst finden sich reif und erwachsen. Für Jacksonianer sind sie Weicheier. … Weil Europa politisch und wirtschaftlich relativ stabil ist, zählt es für die USA nicht so wie andere, beweglichere Regionen. Wir haben mehr von China zu erhoffen oder zu befürchten als von Europa. In einer vernünftigen Welt würde das in Europa keine Verstimmung hervorrufen …”

aus: Walter Russell Mead: Goodbye Europa. SZ, 3.5.2002, www.sueddeutsche.de

Abb.: Erika Rothenberg: America’s Joyous Future, 1990–91, Museum of Contemporary Art Chicago, im Internet.

05/02

05/10/2007 (0:00) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Akzeptanz

“Kaum zu glauben, daß das Wort ‘Akzeptanz’ erst kürzlich in die deutsche Sprache eingedrungen ist. … Erstmals wird es aufgenommen in den Duden von 1983. Dort steht ‘Akzeptanz, besonders Werbesprache, Bereitschaft, etwas (ein neues Produkt oder ähnliches) zu akzeptieren’. …

Wenn ‘Akzeptanz’ das eindeutige Wort ‘Zustimmung’ immer mehr ersetzt, dann ist das ein Politikum. Zustimmung ist aktiv, Akzeptanz passiv. … In der Demokratie soll geschehen, was sie [die Bürgerinnen und Bürger] wollen, nicht, was sie schlucken.”

aus: Erhard Eppler: Kavalleriepferde beim Hornsignal. Die Krise der Politik im Spiegel der Sprache. Frankfurt: Suhrkamp 1992, S.169/170.

Abb.: Klaus Obermaier: Apparition, Performance, 2012, im Internet.

04/10/2007 (21:35) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Einsamkeit

“Wenn man von den Einsamen spricht, setzt man immer zuviel voraus. Man meint, die Leute wüßten, um was es sich handelt. Nein, sie wissen es nicht. Sie haben nie einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehaßt, ohne ihn zu kennen. Sie sind seine Nachbarn gewesen, die ihn aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer, die ihn versuchten. Sie haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, daß sie lärmten und ihn übertönten. Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein Kind war, und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an. Sie spürten ihn auf in seinem Versteck wie ein jagbares Tier, und seine lange Jugend war ohne Schonzeit. Und wenn er sich nicht erschöpfen ließ und davonkam, so schrieen sie über das, was von ihm ausging, und nannten es häßlich und verdächtigten es. Und hörte er nicht darauf, so wurden sie deutlicher und aßen ihm sein Essen weg und atmeten ihm seine Luft aus und spieen in seine Armut, daß sie ihm widerwärtig würde. Sie brachten Verruf über ihn wie über einen Ansteckenden und warfen ihm Steine nach, damit der sich rascher entfernte. Und sie hatten recht in ihrem alten Instinkt: denn er war wirklich ihr Feind.

Aber dann, wenn er nicht aufsah, besannen sie sich. Sie ahnten, daß sie ihm mit alledem seinen Willen taten: daß sie ihn in seinem Alleinsein bestärkten und ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen für immer. Und nun schlugen sie um und wandten das Letzte, an, das Äußerste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei diesem Lärmen blickte fast jeder auf und wurde zerstreut.”

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Frankfurt: 1991 (1910), S.170/171. Volltext im Internet: https://www.rilke.de/

Abb.: Joe Webb: Small Steps, im Internet.

04/10/2007 (1:19) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Konservativismus (deutscher)

“Konservative Positionen bleiben im Ganzen zeitgebunden und oft auch sektoral beschränkt. … Der alte deutsche Konservativismus war resignativ und relativ klar definiert. … In Deutschland haben diese Bemühungen insgesamt den Prozeß der gesamtgesellschaftlichen Modernisierung und des Ausbaus des Sozialstaats nicht aufzuhalten vermocht. Aber sie haben dessen Kosten hochgetrieben und insbesondere Privilegien, Nischen und Enklaven geschaffen, dank derer nicht nur große Teile der vormodernen Eliten relativ angenehm überleben konnten, sondern auch die mehr Besitzenden die Ansprüche der weniger Besitzenden durchweg mit überproportionalem Erfolg abwehren konnten. …

Der Sonderweg der Konservativen in Deutschland war … markiert durch deren enge Bindung an großagrarische Interessen, die konfessionelle Spaltung …, das Fehlen eines westlichen Liberal-Konservativismus, die Schwäche reformkonservativer Bestrebungen und die Abwehr des Parlamentarismus. …

Der erfolgreiche Konservativismus [Bismarcks] von oben richtete sich auch gegen die konservativen Parteien und Gruppen. … Seit der Reichsgründung hat sich der historische Ort des deutschen Konservativismus zweimal entscheidend verschoben. … An die Stelle der Geschichte als ideologischer Leitwissenschaft traten Biologie und Sozialdarwinismus.

… Eine zweite grundlegende Neuorientierung konservativen Denkens und konservativer Politik wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs notwendig. … Politischer Konservativismus war seitdem auch hier kompatibel mit Wirtschaftsliberalismus. …

[Heute] finden wir vermehrt konservative Elemente und Versatzstücke in willkürlicher Auswahl und Kombination in Programm und Politik aller Parteien und Interessengruppen und weit darüber hinaus in vielen Äußerungen kollektiven Lebensgefüges, im Kulturbetrieb, in der Mode und in diversen Nostalgiewellen. … Wie in anderen hochentwickelten, hochdifferenzierten und hochorganisierten Gesellschaften stellt auch bei uns heute diese Tendenz zur Einengung der Handlungsspielräume, zur Unbeweglichkeit und zum bloßen Krisenmanagement zugunsten der Systemerhaltung einen beherrschenden Zug der gesamten Politik dar. Struktureller Konservativismus ist weitgehend zu der Basis geworden, von der aus politisches Handeln noch möglich ist. …”

Hans-Jürgen Puhle: Vom Progamm zum Versatzstück. Zehn Thesen zum deutschen Konservatismus. Kursbuch 73, 1983

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02/10/2007 (19:46) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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